Homöopathie für den Hund

Mit dem Zeitgeist weiter auf Erfolgskurs: Versandbuchhandlung und Verlag Zweitausendeins

Von PETER KLIEMANN
Frankfurt am Main -Er ist einer der erfolgreichsten seiner Branche, und man erreicht ihn nur schlecht. Aber gehetzt wirkt er nicht, und auch am Telefon nimmt er sich Zeit. Lutz Kroth geb. Reinecke ist der Mitgründer und einer von drei Geschäftsführern des Versandverlags Zweitausendeins - und wohl dessen bekanntester Exponent. Er trägt den Namen seiner Frau, Eva Kroth, einer Autorin des Hauses mit Titeln wie "84 Essenzen. Wege der geistigen Heilung", "Power Meditation" oder "Sonne und Mond in uns".

Lutz Kroth, vor vielen Jahren Vertriebsleiter bei Suhrkamp, danach kurz bei "Pardon" tätig, ist ein passionierter Büchermacher von Herkunft und Beruf. Er lebt und arbeitet ziemlich zurückgezogen. Das Buchprogramm des Unternehmens wäre gleichwohl so, wie es sich sechsmal im Jahr präsentiert, ohne ihn kaum denkbar. Und Marketing und Werbung für die ganze Firma macht er gleich mit.

Zweitausendeins - das steht seit nunmehr fast drei Jahrzehnten für ein Angebot, das in Büchern und Tonträgern den jeweiligen Zeitgeist teils spiegelt, teils vorausahnt und ihm vorangeht. Was mit der Apo, der Politik und der politischen Satire angefangen hatte, findet heute im Buchprogramm Schwerpunkte, beispielsweise in der Esoterik, dem Tierschutz oder in der kritischen Ökologie. Windkraft - wirklich sinnvoll? Zweitausendeins ist schon wieder ein paar Schritte voraus: Windkraftanlagen zerstören Natur, Windenergie ist unökologisch: "eine Alternative, die keine ist". Wer auf den Zeitgeist setzt, kann ganz schnell den Anschluß verpassen, sich selbst überleben. Kroth hat offenkundig ein Gespür für das, was kommt. Er treibt keine Marktforschung, analysiert nicht seine Kundenstruktur, vertraut auf keine Umfragen. Er setzt auf die eigene Witterung und Neugier. Er druckt, was ihn selbst interessiert, Wissenschaft, Politik, Literatur. Ein Verleger der alten Schule, wenn man so will.

Den Nimbus des Alternativen, Avantgardistischen, eher Linksprogressiven hat das Unternehmen gleichwohl bis heute nicht verloren. Das Programm wendet sich an ein intellektuelles Publikum, das auch für Außenseiterisches offen ist, das Ansprüche stellt, dennoch nicht viel Geld ausgeben will oder kann. Bedient wird es über zweimonatlich erscheinende postkartengroße Bestellkataloge auf Dünndruckpapier und elf Ladengeschäfte in guter Lage größerer deutscher Städte, denen wohl auch die Anzeigen- und Katalogwerbung ihre Kunden zuführt. 400 bis 500 Buchtitel werden pro "Merkheft" angeboten, dazu etwa 2000 bis 3000 Tonträger. Zehn bis 25 Prozent der Bücher werden von Katalog zu Katalog ausgetauscht. Rechnerisch kommt also jedes Jahr ein komplett neues Buchangebot heraus. Einzelne Titel halten sich jedoch über viele Jahre. "Der Heimatplanet" zum Beispiel, ein Bildband mit Weltraum-Photos der Erde, Gesamtauflage mittlerweile mehr als 170 000. Den Katalog, das "Merkheft", redigiert Kroth übrigens, natürlich mit externer Hilfe, selbst. Werbetexte, Layout und Typographie wirken professionell.

An Zweitausendeins ist vieles erstaunlich geblieben. Zunächst der Umsatz. Kroth gibt ihn mit 110 Millionen an, bisher mit einem Zuwachs von jährlich etwa fünf Prozent, in diesem Jahr stagnierend wie vielerorts in der Branche. 110 Millionen - das ist gleichwohl viel und stellt Zweitausendeins auf eine Stufe mit namhaften Verlagshäusern und größeren mittelständischen Unternehmen. Es ist auch viel, weil dieser Umsatz mit oft umstrittenen, wenngleich durchweg anspruchsvollen Titeln und Produkten erzielt wird. Doch kein Hochglanzprospekt wirbt für das Haus oder stellt seine Erfolge und Umsätze heraus. Eine Pressestelle gibt es nicht, auch nicht ein firmeneigenes Lektorat, obwohl jährlich etwa fünfzig eigene Titel erscheinen.

Was gebraucht wird, wird draußen erledigt, von freien Kräften oder selbständigen Büros. Outsourcing, Downsizing, Flexibilisierung, die Wunderrezepte der Unternehmensberater - Zweitausendeins hat das alles längst vorgemacht. Die Produktion eigener Titel ist damit nicht an quantitative Vorgaben gebunden, sie kann sich der Nachfrage anpassen. Kroth nennt nur 250 festangestellte Mitarbeiter, darunter sind auch Teilzeitkräfte. Das alles klingt nicht gerade unkapitalistisch und auf jeden Fall sehr zeitgemäß.

Zweitausendeins wirbt nur in den Tages- und Wochenzeitungen der Intellektuellen oder "gebildeten Stände". Dieser Zielgruppe werden dann aber auch besondere Angebote gemacht: der komplette Lichtenberg des Hanser Verlags als Lizenzausgabe für 99 Mark, die es damit bei Zweitausendeins auf die beeindruckende Auflage von 35 000 Exemplaren brachte; alle 27 Shakespeare-Dramen in der Übersetzung Erich Frieds als Lizenz von Wagenbach noch dreißig Mark billiger und fast mit dem gleichen Erfolg, oder, erst jetzt, die "Insel Felsenburg" von Johann Gottfried Schnabel, angekündigt als die erste vollständige Ausgabe seit 200 Jahren und als jüngste Edition der "Haidnischen Altertümer", der hauseigenen Reihe der Lieblingsbücher von Arno Schmidt.

Zweitausendeins hat nicht selten das Außerordentliche gewagt und dabei gewonnen: der komplette "Fackel"-Reprint, die "Akzente", das hochumstrittene naturwissenschaftliche Spätwerk Wilhelm Reichs. Es sind nicht zuletzt solche Projekte, die den Ruf des Unternehmens immer wieder stabilisieren. Was Zweitausendeins selbst produziert, wird auch exklusiv vertrieben, bis es später vielleicht einmal anderswo ins Taschenbuch kommt. Alle Produkte des noch immer existenten Verlags Rogner und Bernhard in Hamburg - etwa zwölf Titel im Jahr - gibt es ausschließlich bei Zweitausendeins. Neugedrucktes wird fast ausschließlich ökologisch hergestellt, auf Hanf- oder recyceltem Papier. Für Zweitausendeins sollen keine Bäume gefällt werden müssen.

Kroth sieht seine Arbeit nach wie vor politisch. Politisch ist es für ihn, künftig verstärkt auf Literatur zu setzen, um die produktive Welt der inneren Bilder, wie sie Literatur, wie sie Lesen ermöglicht, dem passiven Fernsehkonsum entgegenzusetzen. "Je mehr innere Bilder wir haben, desto komplexer können wir denken." Wenn Kinder nicht mehr lesen, ist es auch politisch, Kinderbücher zu verkaufen. Andererseits läßt sich nicht übersehen, daß dem ursprünglich aufklärerischen Rationalismus, mit dem Zweitausendeins angetreten war, längst eine Zuwendung zum schwer oder gar nicht mehr Beweisbaren entgegenläuft, ein Einstieg in die wissenschaftlichen Randgebiete, die Grenzwissenschaften, die Meditation, auch in die Naturmedizin bis hin zur "Homöopathie für den Hund".

In die Rubrik "Bücher der Wissenschaft" wird auch die Welt des Staunens integriert. Wer will, kann sich bei Zweitausendeins über "Biophotonen. Das Licht in unseren Zellen" ebenso informieren wie über Außerirdische oder "UFOs über Europa". Die erfolgreichsten Titel? Der Umweltreport "Global 2000": 560 000 verkaufte Exemplare; "Chemie in Lebensmitteln": 260 000; "Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf": 120 000. Neuerscheinungen dritter Verlage, die zeitgleich zum Sortimentsbuchhandel zum Originalpreis angeboten werden, sind eher die Ausnahme, wie 1995 "Ein weites Feld" von Günter Grass. Tabu sind sie bei Zweitausendeins ebensowenig wie bei anderen Buchversendern. Aber nicht die Eigenproduktionen machen das Gros des Angebots aus. Sechzig Prozent des Umsatzes entfallen ohnehin auf Tonträger: Pop, Rock, Jazz, Weltmusik, Klassik.

Neben den oft sehr spektakulären siebzig Buch- Exklusivveröffentlichungen im Jahr, darunter zehn Lizenzausgaben, stehen ungefähr 1500 aus Restauflagen übernommene Titel, nicht selten hochkarätige Publikationen, auf denen die Originalverlage sitzengeblieben sind. Ansprechend beworben und im Preis wirklich drastisch reduziert bis hinunter zu fünf Mark, werden sie bei Zweitausendeins schnell verkauft - Lagerhaltung ist zu teuer. Lieferbar über einen längeren Zeitraum werden nur die Eigenproduktionen gehalten. Arno Schmidt, so Kroth, hat keiner so erfolgreich verkauft wie Zweitausendeins. Sechzig Prozent des Umsatzes gehen über den Versand.

Vierzig Prozent, so Kroth, über die elf eigenen Läden. Möglicherweise kommen noch ein paar Geschäfte dazu. Über die genaue Zahl der Empfänger seiner Kataloge - und das sind ja die Stammkunden - möchte Kroth keine exakten Angaben machen: jedenfalls "unter einer Million". Und wie Zweitausendeins im Jahre 2002 heißen wird? Lutz Kroth weiß es noch nicht. Vielleicht wird er seine Kunden um Vorschläge bitten.

Datum: 1997-10-28 - Dateigröße: 11912 Byte

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Homöopathie for the dog

With the spirit of the times farther on success course: dispatch bookstore and publishing company 2001

Von PETER KLIEMANN

Frankfurt on the Main-he is one most successful of his branch, and one reaches him only badly. But rushed he does not work, and also on the phone he takes himself time. Lutz Kroth born one. Pure corner is the cofounder and one of three managers of the dispatch publishing company 2001 - and probably his bekanntester exponent. He carries the name of his wife, Eva Kroth, an author of the house with titles like " 84 essence. Ways of the spiritual healing ", " Power meditation " or " the sun and moon in us ".

Lutz Kroth, a lot of years ago sales manager with Suhrkamp, afterwards shortly with "Pardon" actively, is passionierter Books doer of origin and occupation. He lives and works quite secludedly. The book program Anyhow of enterprise was in such a way as it presents itself 6 times per year, without him barely conceivable. And marketing and he takes part advertisement for the whole firm equally.

2001 - this stands for now nearly three decades for an offer, in books and sound carriers him respective spirit of the times partly reflects, partly sees coming and to him leads the way. What with the Apo, of the policy and the political ones Satire had started, today finds in the book program Main focuses, for instance, in the esotericism, the protection of animals or in the critical ecology. Wind strength - really sensiblily? 2001 a few steps are again ahead: Wind strength arrangements destroy nature, wind energy is unecologically: " an alternative which is none ". Who places on the spirit of the times, can miss quite fast the connection, survive themselves. Kroth has evidently one Feel for that what comes. He does no marketing research, does not analyze his customer structure, trusts in none Surveys. He places on own weather and curiosity. He prints what interests him himself, science, policy, Literature. A publisher of the old school if one wants so.

The aureole of the alternatives, to avant-garde, rather left progressive has the enterprise anyhow to this day did not lose. The program turns to an intellectual audience which is also open for Außenseiterisches, Claims it puts, still, does not want to spend a lot of money or can. It is served about 2-monthly appearing ones postcard-size order catalogs on flimsy paper and eleven shops in good position of bigger German towns, to those probably also the press advertising and catalog advertisement her customers supplies. 400 to 500 titles become per "Merkheft" offered, in addition about 2000 to 3000 sound carriers. Ten to 25 percent of the books become from catalog catalog exchanged. Computationally every year a completely new book offer comes out.

Single titles keep however, about many years. " The home planet " for example, an illustrated book with space photos of the earth, whole edition meanwhile more than 170 000. Kroth edits the catalog, the "Merkheft", by the way, of course with external help, even. Advertising slogans, layout and typography look professional.

In 2001 a lot has remained astounding. At first the turnover. Kroth gives him with 110 millions, up to now with to an increase of annually about five percent, this year stagnating like in many places in the branch. 110 millions- anyhow this is a lot and puts 2001 on a step with famous publishing houses and bigger ones to middle-class enterprises. It also is a lot, because this turnover with often controversial ones, although completely to demanding titles and products is achieved. However, no bright lustre prospectus advertises to the house or puts his Success and turnovers out. There is not a press office, also not company own editorial office, although annually possibly fifty own titles appear.

What is needed, it is done outdoor, by free forces or independent offices. Outsourcing, Downsizing, flexibility, the miracle prescriptions of the management consultants - 2001 has all that for a long time demonstrated. The production of own titles is not bound with it to quantitative default, she can do herself to her Inquiry adapt. Kroth calls only 250 festival-hired employees, under it are also partial time forces. All that sounds not quite uncapitalistic and anyway very much up-to-date.

2001 advertises only in the newspapers and weekly papers of the intellectuals or " to educated states ". This Then, however, target group special offers are also done: the complete light mountain of the Hanser publishing company as License issue for 99 marks, which it with it with 2001 on the impressive edition of 35 000 specimens brought; all 27 Shakespeare dramas in the translation Erich Frieds as a license of brook Wagen still thirty marks more cheap and almost with the same success, or, only now, the " island rock castle " from Johann Gottfried Schnabel, announced as the first entire issue for 200 years and as the youngest edition of the " Haidnischen antiquities ", row own to house of the favorite books of Arno Schmidt.

2001 the extraordinary has often ventured and, besides, has won: the complete "Fackel" reprint, "Accents", the high-controversial scientific late work of Wilhelm Reichs. These are not least such projects, the call of the enterprise stabilize over and over again. What produces 2001 itself, becomes also exclusive expelled, until it comes later maybe once somewhere else to the paperback. All products of the still existent one There is publishing company Rogner and Bern hard in Hamburg - about twelve titles in the year - exclusively with 2001. New-printed is produced almost exclusively ecologically, on hemp or recycled paper. For 2001 should must go no trees are likes.

Kroth sees his work still politically. Politically it is for him, in future strengthens on literature to place, around productive world of the internal pictures, like they literature, as it allows reading, to the passive television consumption to oppose. " The more internal pictures we have, the more complicated we can think. " If children no more read, it also is politically to sell children's books. On the other hand, can not be overlooked, that to him originally the progressive Rationalismus with which 2001 had lined up, for a long time an allowance to heavily or even no more to provable runs towards, an entrance in the scientific edge areas, the border sciences, the meditation, also in the physical medicine up to " Homöopathie for the dog ".

In the column " books of her Science " the world of the astonishment is also integrated. Who wants, can do itself with 2001 about " biophotons. The light in our cells " inform also like about extraterrestrial or " UFOS over Europe ". The most successful titles? The environmental report " global in 2000 ": 560 000 sold specimens; " chemistry in food ": 260 000; " the rediscovery of the useful plant hemp ": 120 000th new appearances of the third publishing companies, at the same time to Assortment book trade are offered to the original price, are rather the exception, how in 1995 " a wide field " from Günter Grass. They are a taboo with 2001 just as little like with other book senders. But not the own-label records put out the majority of the offer. Sixty percent of the turnover escape anyway on sound carrier: pop, skirt, jazz, world music, classical period.

Near often very spectacular seventy books Exclusive publications in the year, under it ten license issues, stand about 1500 from remainders taken over titles, often high-carat publications on which the original publishing companies have stayed down. Pleasing applied and in the price really drastically reduces to down to five marks, they become with 2001 fast sold - camp posture is too expensive. Available for a longer period only they become Own-label records held. Arno Schmidt, according to Kroth, has sold nobody as successfully as 2001. Sixty percent of the turnover go about the dispatch.

Forty percent, according to Kroth, more than eleven own stores. Still a few business possibly arrives. About the precise number of the receivers of his catalogs - and this if are the regular customers - Kroth might do no exact information: in any case, " under a million ". And how 2001 will tell in 2002? Lutz Kroth does not know it yet. Maybe he becomes his customers around Suggestions ask.

Date: 1997-10-28 - file size: 11,912 bytes